Winter in Rio
Also ich versteh das Klima hier unten nicht so recht. In Buenos Aires war es der kälteste Tag des Jahres und wir fahren 1.000km nördlich und schon ist es fast sommerlich. Und hier in Rio sind es die ganze Zeit um die 30°C. Unser Flug ging direkt von Foz de Iguacu nach Rio de Janeiro. Uns wurde leider nicht das Glück zuteil, dass wir weder die Wasserfälle von oben bewundern konnten, noch Rio.
Den ersten Nachmittag verbrachten wir am Strand von Ipanema und wunderten uns, dass es schon relativ früh sehr frisch wurde. Die ersten zwei Nächte hatten wir Glück und unser 4er Dorm gehörte uns allein. Wir erkundigten uns noch am Abend, was eine Stadtrundfahrt kostet. Wir wurden mit einem undurchsichtigen Gewirr an Angeboten überrumpelt. Die Rund-um-glücklich-Tour (8 Stunden) mit Mittagessen, Christus, Zuckerhut, St. Theresa usw. hätte 160 Reais gekostet. Die abgespeckte Tour (5 Stunden) ohne Zuckerhut und Mittagessen wäre dann bei 145 gewesen. Und dann gab es noch eine, wo explizit “ohne Zuckerhut” da stand, die hätte 90 Reais gekostet. Das erschien uns suspekt und wir grübelten – kann man das allein schaffen. Kriszta hockte sich hin und fand eine geniale Seite, bei der man sagen kann, wo man ist und wo man hinwill und der spuckt die Buslinien aus, mit denen man fahren muss.
Also ging es am nächsten Morgen los… Bus zum Corcovado, mit der Bahn hoch und schon hatten wir einen herrlichen Blick auf die Stadt. Das Wetter war genial, keine Wolke weit und breit. Auch die Sicht spielte gut mit, besser wie ich es aus dem Flugzeug sah. Danach mussten wir eine halbe Stunde warten, da die Bahnen ins Tal vollgepfropft mit Menschen waren. Und dazu kam noch, dass unsere Bahn auf der halben Strecke anfing stecken zu bleiben. Wir ahnten schon schlimmes, aber es ging schon nach wenigen Minuten weiter. Nach einem stärkenden Mittagessen, nahmen wir den nächsten Bus zum Zuckerhut und stiegen dort auch mit der Seilbahn auf. Auch hier herrliche Sicht auf die Strände, die Hügel, das Meer und die Stadt. Unter dem Strich landeten wir inklusive Bustickets bei ca. 110 Reais.
Ich muss natürlich auch noch ein Wörtchen zum Thema Sicherheit verlieren. Wenn man vom Karneval von Rio hört, geht die Nachricht einher mit der Anzahl von Morden, die begangen werden. Dementsprechend kamen wir nach mit der Angst an jeder Ecke überfallen, ausgeraubt oder zumindest das unsere Hosentaschen unfreiwillig geleert werden. Doch die Angst ist gerade zu lächerlich, wenn man erstmal angekommen ist und einen Blick auf die Stadt geworfen hat. Selbst die Leute von der Rezeption meinten, dass man sich keine Sorgen machen braucht. Gut, man sollte nicht nachts durch die Innenstadt streunern bzw. die Favelas mit jeder Menge Schmuck um den Hals besuchen. Aber das sind Allgemeinplätze, wie sie für alle Großstädte gelten.
Die nächsten beiden Tage verbrachten wir größtenteils am Strand und tankten Sonne. Wir hatten dabei jede Menge Gelegenheit, die Eigenarten Rios zu entdecken. Zum Beispiel werden hier die Hunde regelmäßig zum Friseur geschickt, d.h. jeder Hund sieht eigentlich aus wie ein Plüschtier. Überhaupt legen die Einwohner viel Wert auf Äußerlichkeiten, d.h. nicht nur am Haustier wird die Schere angesetzt, sondern auch an Frau bzw. Freundin. Wir sahen etliche künstliche Oberweiten und angepasste Hinterteile. Und bei so viel Körperkult darf der Sport nicht fehlen. Am Strand von Ipanema gibt es eine eigene Spur für Sportler, das sollte eigentlich schon alles sagen. Hier wird rund um die Uhr gejoggt oder ins Fitnessstudio gegangen. Und um die entsprechenden Kalorien zu liefern, gibt es hier an jeder Ecke etliche Fast-Food-Tempel (unser Lieblingsladen war Beach Sucos), die Fruchtsäfte in Kombination mit jeglicher Art von Burger, Schnitzel und Pommes anbieten.
Bei den Beobachtungen schaut man nicht nur hin, sondern hört auch aufmerksam zu. Während ich mich schon ein wenig an Spanisch gewöhnt hab, war das brasilianische Portugiesisch eine gewaltige Umstellung. Man könnte auch von einer Sprache mit vielen Farben sprechen. Je nach Betonung klingt es wie russisch, englisch oder holländisch. Im Hostel vernahm ich sogar eine Betonung, die mich an Österreich erinnerte. Also ganz merkwürdiger Kauderwelsch, den die hier reden. Noch schlimmer sind die Strandverkäufer, die den ganzen Tag den Strand auf und ablaufen und “Agua, Coca, Serbäscha, Globo” verkaufen wollten. Und dann gibt es noch Acai… nicht nur am Strand, auch im Saftladen. Ein merkwürdiger Brei aus Eis und den Acai-Beeren, die nach meinem Geschmack irgendwie medizinisch schmecken. Selbst Acai-Banane kann nicht über den Nebengeschmack hinwegtäuschen.
Natürlich konnten wir nicht nur den ganzen Tag in Ipanema liegen, sondern mussten auch mal an die Copacabana. Also sind wir schnell mit dem Bus hingefahren und haben uns dort hingelegt. Im Unterschied zu Ipanema war es an der Copacabana viel wärmer, eine Tatsache, die wir die ganzen Tage, die wir in Rio verbrachten, immer wieder feststellen mussten. In Ipanema war es abends dann so “kalt”, dass wir eine leichte Jacke anziehen mussten. Es ist halt Winter in Rio…
Cataratas del Iguazu
Nach 6 Stunden Busfahrt von Posadas kamen wir in Puerto Iguazu (d.h. der argentinischen Seite an). Der Busfahrer von Rio Uruguay (dem Busunternehmen) war so nett, uns gleich beim Hostel-Inn abzuladen und so mussten wir nur 50 Meter am Pool vorbeilaufen und schon waren wir da. Wir hatten ursprünglich ein 4-Bett-Dorm gebucht, bekamen ein 6-Bett-Dorm, doch das mussten wir schnell verlassen, denn Matratzen und Kopfkissen schimmelten schon. Auch das 4er Zimmer sah nicht besser aus. Nach etlichen Diskussionen bekamen wir ein akzeptables 6-Bett-Dorm und waren die erste Nacht allein.
Teil 1: Die Argentinische Seite
Wir starteten kurz nach 8 Uhr mit dem Bus Richtung Wasserfälle, die ca. 15km von der Stadt entfernt sind. Man wird direkt am Eingang rausgelassen, zahlt seine 100 Pesos Eintritt und kann man den Marsch durch die Anlage beginnen. Uns wurde empfohlen den Upper Trail, dann den Lower Trail und nach dem Mittag mit der Bahn zum großen Wasserfall zu fahren. Genau so machten wir es auch.
Das Wetter zeigte sich am Morgen von seiner wolkigen Seite und so beeilten wir uns, zu den Fällen zu kommen, bevor sich die Sonne hinter den Wolken versteckt. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel. Tonnen von Wasser donnern mit einer Lautstärke 60 Meter in die Tiefe und ein feiner Wassernebel steigt empor, erzeugt Regenbögen und sorgt für eine unfreiwillige Erfrischung. Danach hüllte sich die Sonne in Wolken und wir liefen weiter, um das Spektakel von allen Seiten zu betrachten.
Schon am Vortag hatten wir bei einer Busgesellschaft eine Bootstour gebucht, die mit einem Speedboot bis unter die Wasserfälle fährt. Wir zogen unsere Regencapes an, verstauten den Fotorucksack in einem wasserfesten Sack und schon konnte das Abenteuer beginnen. Kurz vor Wasserfällen wirbelt einem der Wind die Kapuze vom Kopf und dann wird man nassgespritzt. Das Boot dreht um und fährt nochmal rückwärts rein. Mir lief das Wasser am Rücken entlang. Nach dieser Spritztour setzten wir unsere Runde fort, die auch an direkt an einen Wasserfall heranführt. Gleiches Spiel wie vorher, nur dass es hier meine Hosen bis auf den letzten Faden durchnässte. Aber die Sonne, die sich dann wieder häufiger zeigte, trocknete alles schnell und übrig blieben jede Menge schöne Bilder, auch von einer fantastischen Tierwelt.
Teil 2: Die Brasilianische Seite
Wir nahmen uns einen ganzen Tag Zeit, um auf die brasilianische Seite zu wechseln. Ursprünglich geplant war, dass wir am Vormittag den Tierpark schräg gegenüber unseres Hostels besuchen, aber da Wahlen in Argentinien waren, öffnete der Zoo erst um 10 Uhr und die Angestellte zeigte sich nicht gewillt, uns mit der wartenden Schulklasse in den Park zu lassen, sodass es sicherlich noch später werden könnte. Also gingen wir wieder und nahmen den Bus nach Brasilien.
Der Wechsel an der Grenze ging zügig, aber das Warten auf den nächsten Bus dauerte eine halbe Stunde. Als wir dann im Hostel ankamen, waren wir beruhigt – ein schönes Hostel, ruhig, wenig Gäste und gut gelegen. Busbahnhof und Supermarkt in 5 Minuten Gehreichweite. Also gingen wir erstmal einkaufen, machten uns Spaghetti Bolognese (die ein Genuss waren!) und chillten.
Am nächsten Tag kam dann der Wasserfall von der brasilianischen Seite. Uns fiel sofort auf, dass die argentinische Seite wesentlich besser organisiert ist. Es ging alles schneller und effizienter voran. Hier mussten wir erst auf den Bus warten, der dann die restlichen 10km bis zum Wasserfall fuhr und dabei an allen möglichen Stationen hielt, wo immer betont wurde, dass diese Station nicht im Ticket enthalten ist. Die brasilianische Seite der Iguazufälle ist nicht so spektakulär, aber auch hier wird man ordentlich nass. Trotzdem hat man einen schönen Überblick auf die Wassermassen der gegenüberliegenden Seite.
Nach dem Wasserspektakel gingen wir noch in den Vogelpark, der gleich gegenüber vom Eingang des Nationalparks liegt. Der Vogelpark wurde uns glühendheiß empfohlen, sodass wir nicht “Nein” sagen konnten. Am Anfang waren wir enttäuscht, da es nur einzelne Volieren gab, wo pathetische Papageien drin hockten. Aber richtig interessant wurde es in den großen Vogelkäfigen, wo man Auge in Auge mit den Tucanen und anderen Vögeln war. Wir possierten mit Papageien und Tucanen, Kriszta wurde sogar von einem gezwickt, konnten ihnen beim Baden und Putzen zusehen – es war eine Augenweide.
Später folgte noch ein Bereich, wo Schmetterlinge und Kolibris zu bewundern waren. Die Schmetterlinge erreichten eine größe von zwei Handflächen. Zum Abschluss konnte man noch ein Foto mit einen Ara machen lassen, was ich mir nicht entgehen lassen konnte. Ganz schön schwer, die drolligen Kerlchen – ich hatte noch am nächsten Tag die Spuren der Krallen auf meiner Haut.
Als wir am Abend wieder im Hostel waren, fragte ich die Hotelleiterin nach dem Ausgang der Wahlen in Argentinien. Sie antwortete, dass Kirchner gewonnen hätte. Den Rest ihrer Rede gebe ich mal wörtlich wieder: “Argentinien hat immer noch ein Problem mit der Korruption. Das haben wir in Brasilien hinter uns, weil sich die Menschen geändert haben. In Brasilien hat nicht die Politik das Land verändert, sondern die Menschen haben das geschafft. Die Leute haben jetzt eine bessere Bildung und deshalb ist es besser geworden.” Ich finde es sehr witzig, dass sie die bessere Bildung für den Wechsel verantwortlich macht. Und Bildung ist ja Ressort, was überhaupt nicht zu Regierungsarbeit gehört… Nach 2,5 Tagen Brasilien steht für mich fest, dass die Argentinier wesentlich freundlicher, hilfsbereiter, offener und auch sauberer sind, als ihr Nachbarland.
