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Gefährliches Halbwissen

Category: Kunst + Kultur

Todessehnsucht im Sommerloch

Meine persönliche Chronik des gestrigen Abends:

Ich sitze am Laptop und suche nach einem Musikvideo, als ich sehe – hey, heute ist Loveparade, also schalte ich gleich auf den Livestream um. Mit einem Auge sehe ich auf die Kommentare und lese etwas von Massenpanik und 10 Toten. Zu diesem Zeitpunkt kann man schon nicht mehr bei loveparade.de zwischen den Kameras hin- und herschalten. Also suche ich parallel dazu bei den News – es stimmt. Da die Informationen sehr spärlich sind, kann ich die Rufe nach einem sofortigen Stop der Loveparade nicht ganz nachvollziehen. Auch in Berlin gab es Tote durch Messerstechereien oder Unfälle mit S-Bahn-Zügen. Da hat das auch keinen gestört.

Später am Abend bemühe ich n-tv nach neuen Informationen. Die Zahl der Toten war inzwischen auf 15 gestiegen und es wurden abwechselnd Amateurvideos, Augenzeugenberichte und Liveschaltungen vor Ort gesendet. Was genau passiert war, war selbst nach einer halben Stunde nicht nachzuvollziehen, also musste ich wieder meinen Rechner bemühen, Geschriebenes ist vom Informationsgehalt doch besser wie TV.

Was mich aber in der halben Stunde extrem genervt hat:

  • Es wurde nach Schuldigen gefragt und jeder schob dem anderen die Schuld in die Schuhe. Die Polizei, der Veranstalter und der derzeit oft benutzte Prügelknabe Deutsche Bahn wurden beschuldigt. Was interessiert mich, wer Schuld ist? Wichtiger ist doch, wie eine Lösung aussieht!
  • Womit ich schon zum Betroffenheitsgeheuchel der deutschen Politiker komme. Ich finde es nett, aber für die Angehörigen völlig nutzlos, dass sich Frau Merkel aus dem Urlaub meldet und ihre Beileidsbekundungen mitteilt. Damit ist niemandem geholfen. Hätte sie noch hinzugefügt, dass nach der Aufklärung angemessene Reaktionen folgen, wäre das für mich ein ernstzunehmendes Wort gewesen, aber so ist das – auch nach der Abkühlung der sommerlichen Hitze – nur heiße Luft.
  • Statt die große Kunst der Improvisation zu zeigen, zeigte sich das Fernsehen gestern mal wieder von seiner ganz schwachen Seite. Während die Internetmedien in 10 Zeilen oder mehr schon kurz berichteten, was vorgefallen war, schalteten die Nachrichtensender, speziell n-tv auf Dauersendung. Es gab eigentlich nichts zu berichten, aber trotzdem versuchte man den leeren Raum mit Inhalt zu füllen. Es wurden Passanten interviewt, die vor Ort waren. Diese wurden mit Detailfragen malträtiert, nur um den Zuschauer mit der Nase drauf zu stoßen, wie die Folgen einer Massenpanik aussehen. Genau so ungefiltert ließ man “Augenzeugenberichte” ausstrahlen, die nur mit haltlosen Behauptungen um sich schossen. Und immer wieder die Reporter, die im Minutenabstand nach den neusten Todeszahlen befragt wurden, als gelte es einen neuen Highscore zu brechen.

Und oben drüber schwebte die Frage: Wo konnte es nur zu der Massenpanik kommen? Wenn tausende Menschen in einen Tunnel eingepfercht sind und schon die ersten anfangen zusammenzubrechen bzw. über einen Zaun zu klettern, wohl wissend, dass man sich dabei verletzen kann – wie naiv muss man sein, um diese Frage noch zu stellen?

Wahrscheinlich hat sich noch niemand gefragt, wie es weiter geht.

  • Lösung 1 (realitätsfern): Die Stadt Duisburg und der Veranstalter werden gleichmaßen mit den Schadensersatzzahlungen und sämtlichen Folgekosten belastet. Denn die Ursache war nicht der Tunnel oder die Absperrung oder sonst was. Beiden Beteiligten hätte von Anfang an klar sein müssen, dass 1 Million Besucher nicht in eine Stadt von weniger als einer halben Million Einwohner passt, schon garnicht auf ein begrenztes Areal. Aber man bekommt ja den Hals nicht voll genug. Wenn sich dann nicht ein anderer darum kümmert, dürfte sich das Thema Loveparade damit erledigt haben.
  • Lösung 2 (im Bereich des Möglichen): Einer schiebt dem anderen die Schuld in die Schuhe, es wird eine Sonderkommission zur Aufklärung des Falles gegründet, dabei wird stapelweise Papier erzeugt, das keiner liest und da sich keiner zu einem Urteil berufen fühlt, wird es keine Folgen geben. Der Veranstalter wird von einer Loveparade nächstes Jahr absehen und Gras über die Sache wachsen lassen und dann weitermachen.

Nachtrag – die widerliche Realität:

Man picke sich eine Person der Öffentlichkeit heraus, die im Zusammenhang mit der Loveparade präsent war, wie z.B. OB Sauerland. Nun bausche man die ganze Sache so auf, als wäre er der Hauptschuldige und bringe das Wort “Rücktritt” in den Umlauf. Pro für die Medien: Durch seine Position muss er zwangsläufig mit der Planung der Loveparade zu tun gehabt haben. Pro für ihn: Wie ist den Hinterbliebenen und Verletzten damit geholfen, wenn er zurücktreten würde? Und mit jedem Tag, den er sich weigert zurückzutreten, steigt das öffentliche Interesse an seinem Rücktritt. Die Wikipedia umschreibt den Begriff Sündenbock treffend mit: “Als Sündenbock wird ein Mensch bezeichnet, dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle.”

*Seufz*

Ich muss heute mal eine gescheite Überschrift wegfallen lassen, mir fällt wirklich nichts besseres ein. Ich habe “Naokos Lächeln” sehr schnell durchgelesen, sodass mir die Charaktere sehr schnell ans Herz gewachsen sind. Nicht dass ich mich identifizieren konnte, aber was auch schon in “Hard-boiled wonderland und Das Ende der Welt” funktionierte, klappt auch hier wieder. Man verlässt diese Welt für einen Moment und taucht ab in die Phantasien des Herrn Murakami.

Er schafft es, dass Melancholie bezaubernd wirkt und man anfängt mit dem Hauptdarsteller mitzufiebern bzw. dessen Ansichten zu teilen. Und je intensiver man eintaucht, um so mehr kommt das bittere Erwachen. Man schreckt am Ende des Buches hoch und will eigentlich weiterlesen, aber das Buch geht nicht weiter. Zu interessant wäre es, zu wissen, was weiter passiert, aber darauf gibt es keine Antwort. Man könnte mit etwas Entfernung denken, der Autor wäre ziemlich verwirrt gewesen, denn das Buch fängt in der Gegenwart an, springt in die Vergangenheit und endet dort. Meiner Meinung nach ist das der Punkt, warum man danach so irritiert ist. Man ist der Meinung, dass eine Handlung geschlossen sein muss, aber wie man bei dieserm Buch merkt – das muss sie nicht.

Was dieses Buch weltweit zu vielen Menschen kompatibel macht, ist die Tatsache, dass der Gedanke einer verpassten Chance, einer unglücklichen Liebe und dem vergeblichen Versuch eine Beziehung zu retten, universell ist. Ob der Protagonist nun Toru, Luigi, Thomas, John oder Pierre heißt, an dem Gefühl und der Intensität ändert sich nichts.

Ich werfe an dieser Stelle wieder den Spoiler aus, d.h. wer das Buch lesen will, sollte jetzt aufhören weiterzulesen.

Zentrale Person des Buches ist der junge Japaner Toru Watanabe, der Ende der 60er Jahre in Tokyo studiert – einer Zeit sexueller Freizügigkeit und Studenten-Revolten. Letzteres tangiert Watanabe nur am Rande, Inhalt seiner Erzählung ist seine Beziehung zu Naoko – wie sie begonnen hat, welchen Verlauf sie nimmt und wie sie endet. Watanabe beschreibt sich als normal und die Welt um sich herum als merkwürdig. Für Außenstehende ist er ein introvertierter Mensch, der sich für Musik interessiert, gerne liest und seit dem Selbstmord seines besten Freundes nur sehr wenige und sehr lose Freundschaften pflegt. Zu Beginn der Erzählung ist er 18 Jahre alt, hat sein Studium begonnen, was ihn aber nicht interessiert. Er lebt mehr oder weniger in den Tag hinein, weil er noch keine Richtung für sein Leben weiß. Er probiert sich hin und wieder mit One-night-stands, die an ihm aber wie Schatten vorüberziehen.

Zwei Frauen gelingt es trotzdem, durch diese unerschütterliche Mauer von Selbstschutz und Misanthropie durchzudringen. Zum einen Naoko, welche die Freundin seines besten Freundes war. Sie ist seit dessen Selbstmord auch sehr in sich zurückgezogen und das weibliche Spiegelbild zu Watanabe. Beide verbindet die enge Beziehung zu dem Verstorbenen, aber auch ein Wechselspiel aus gegenseitigem Begehren und Verletzlichkeit. Und je näher sich beide kommen, um so weiter entfernt sich Naoko von ihm, ohne genauere Gründe zu nennen.

Etwas später kommt Midori in sein Leben, eine Frau, die neben dem Studium zusammen mit ihrer Schwester täglich ihren Vater pflegt, dessen Buchhandlung weiterführt und keine Zeit für Hirngespinste hat. Sie ist sehr direkt, äußert jede ihrer Phantasien umgehend, lässt keinen Zweifel daran, dass sie an Watanabe interessiert ist und reagiert trotzdem sehr emotional, wenn er sie verletzt. Und das, obwohl sie einen Freund hat.

Watanabe beobachtet seine Beziehung mit Midori für den Leser fast mit Desinteresse, seine Maxime scheint zu lauten: “Lasst mich doch alle in Frieden”. Doch ganz abgeschieden mag er nicht sein und pflegt deshalb in Momenten der Einsamkeit die Kontakte mit Naoko und Midori. Als Naokos seelischer Zustand sich verschlechert, beginnt er sich intensiver um sie kümmern, besucht sie, schreibt ihr regelmäßig Briefe, in denen er seine Sorgen um sie außen vorlässt und von einer gemeinsamen Zukunft schwärmt. Sie kehrt immer weiter in sich, antwortet nur sporadisch bzw. überlässt die Kommunikation mit ihm ihrer Heimgenossin.

Nach dem Tod von Naoko verfällt Watanabe zusehends und lässt Midori, die seinetwegen ihre Beziehung beendet hat, monatelang im Ungewissen, in dem er planlos durch das Land irrt. Die Heimgenossin von Naoko läuft ihm dabei über den Weg und macht ihm klar, dass er mit dieser Taktik die nächsten 20 Jahre seines Lebens Naoko nachtrauern kann oder der Realität ins Auge sieht und erkennt, dass es eine Frau gibt, die er sehr mag und die auch ihn liebt.

Wie auch beim letzten Roman, den ich von Haruki Murakami gelesen habe, spielt auch hier zum Abschluss eine vernünftige Entscheidung die tragende Rolle. Auch wenn ich Kritiken gelesen habe, die “Naokos Lächeln” als sehr sexuell freizügig beschreiben, sehe ich eher den Zusammenhang in der Zeit, in welcher der Roman spielt bzw. um ehrlich zu sein – was wäre eine innige Liebe ohne sexuelle Phantasien? Ich habe natürlich noch ein entscheidendes Bruckstück in meiner Beschreibung entfernt, denn der Leser erfährt, welche Gedanken Naoko hegte, bevor sie starb.

Verweigerungshaltung

Eigentlich wollte ich es mir ja nicht antun, aber Kriszta bat mich, “Illuminati” von Dan Brown zu lesen. Nicht, weil es ihr so gefallen hatte, sondern weil sie sich mit jemandem darüber austauschen wollte. Und dieser Wunsch ist schon fast Ehrensache.

Kurzer Abriss der Geschichte: Die gesamte Handlung des 700-seitigen Buches bildet einen Tag ab. Die Referenzen innerhalb des Buches sind simpel und beziehen sich auf einfache Fakten, statt auf komplette Handlungsstränge. Nur um ein Beispiel zu nennen, erfährt der Protagonist am Anfang der Geschichte, dass ein Quadratmeter Stoff einen Sturz um 20% bremst und der Leser wird auf diesen Fakt noch einmal mit “Er konnte ja nicht ahnen, dass ihm diese Information an Ende des Tages Leben retten würde” hingewiesen. So werden auch die Spannungsbögen aufgebaut und das lässt die Handlung künstlich angespannt erscheinen.

Dem älter werdenden Hauptdarsteller wird eine junge rassige Italienerin an die Seite gestellt. Hollywood lässt schon grüßen, ohne dass man wissen muss, dass es den Film bereits gibt. Und wenn es schon mal so sein soll, findet sich immer ein Wissender, der die römische Geschichte über mehrere Jahrhunderte hinweg kennt und somit verschollene und verschwundene Rätsel auflösen kann, um ja der Geschichte zu ihrem Happy End zu verhelfen.

Statt dessen bin ich der Meinung, dass die wirklich spannende Geschichte hinter dem Misslingen der Handlungen steht. Was wäre, wenn der gesamte Vatikan ein rauchender Krater wäre und die Menschheit zwar nicht ihren Glauben an Gott verliert, aber die gesamte weltliche Führungsriege einem terroristischen Akt zum Opfer fällt? Aber soweit lässt es das Buch nicht kommen und 200 Seiten vor Schluss kommt es bereits zum Showdown und nun gilt es nur noch die Reste zusammenzufegen und übrig gebliebene Fragen zu klären. Aber das wird auch nur schlampig gemacht, denn die Frage, wie der Camerlengo den hervorragend ausgebildeten arabischen Terroristen anheuern konnte, bleibt offen. Steht ja bestimmt im Telefonbuch.

Fazit: Wenn man kurzweilige Unterhaltung sucht oder seinen Rombesuch auffrischen will, für den ist “Illuminati” das richtige Buch. Wer etwas mehr seinen Verstand anstrengen möchte, sollte auf meine nächste Buchbesprechung warten – ich habe meinen zweiten Haruki Murakami in Angriff genommen – “Naokos Lächeln”. Ein Autor, der den Showdown für das “Literarische Quartett” eingeleitet hat.

Avatar – ein Schritt weiter

Ich war sehr auf diese neue Geschichte gespannt – dieses 3D. War das wieder so ein Pseudokram, der nur so halb funktionierte? Jedenfalls war ich für den ersten Moment etwas enttäuscht, als ich die Brille aufsetzte und die Werbung sah, eigentlich machte es den gleichen Eindruck wie immer. Und auf einmal *hopp* sprang die Schritt von der Leinwand weg und war zum greifen nah. Was stand da? “Bitte setzen Sie ihre 3D-Brille auf”. Ja, hatte ich! Was für ein abgefahrenes Zeug. Ich war echt sprachlos und noch bevor ich mich erholt hatte, ging der Film los.

Meine Kollegen hatte schon erzählt, dass die Handlung platt und vorhersehbar war, aber der Faktor 3D wieder alles rausholte. Und genau die gleichen Empfindungen hatte ich auch. Schon bei jeder Aussage konnte man den folgenden Konflikt, nachfolgende Inhalte und das Ende vorhersehen. Aber das war nichts, wenn man die Bilder mit eigenen Augen sah. Man war Teil des Film, Teil der Natur und es fehlte nur noch der Duft des Waldes, um das Ganze rund zu machen.

Noch während der Heimfahrt ging mir durch den Kopf, dass Amerika bei dem Film nicht so besonders gut weg kommt. Aber halt mal, machen wir das nicht jeden Tag? Sorgen wir nicht dafür, dass der Regenwald ein Stück schrumpft, weil wir unsere erkälteten Winternasen in ein kuschelig weiches Tempo-Taschentuch stecken? Ist es dem Konzern nicht völlig Schnurz, was danach kommt, wenn alles abgeholzt ist, Hauptsache die Kohle stimmt? Dazu brauchen wir kein Pandora, dass haben wir auf unserem eigenen Planeten.

Fazit: Gute Botschaft, aber leider zu schön verpackt, um sichtbar zu werden. Ansonsten wäre etwas Tiefgang wünschenswert gewesen. Und wie es der Zufall so will, blubbert hier im Hintergrund gerade so ein Track aus den frühen 90ern – Microbots “The Age”…. “Earth, it’s the only one we have. And it’s the only planet we are able to live on”.

Eine kleine Theorie

Ich muss mal ganz dringend wieder was über Bücher schreiben. Und da ich gerade mit einem fertig bin, leg ich doch gleich mal los. Es geht um “Das Philosophenportal” von Robert Zimmer.

Beim Philosophenportal stellen sich wahrscheinlich jedem studierten Philosophen die Haare zu Berge, weil es handelt sich um eine Art Readers Digest für Philosophiebücher. Aber für den philosophieinteressierten Leser ist es die Sammelversion von 16 wichtigen Büchern. Was richtig gut ist, dass einige Bücher auf einander aufsetzen bzw. auch vom Autor miteinander in Bezug gebracht werden. Ich muss im Nachhinein zugeben, selbst in aufbereiteter Form war Kants “Kritik der reinen Vernunft” schwer verdaulich. Ich will nicht sagen, unverständlich, aber mal fix überfliegen und sofort verstehen ist bei dem Gedankengang ausgeschlossen.

Besonders hat mir gefallen, dass die Werke nicht nur allein erläutert wurden, sondern auch das Wesen des jeweiligen Autors im Bezug auf die Zeit, in der er gelebt hat. Und so geht es von der Antike, d.h. Platons “Der Staat” bis zu John Rawls “Eine Theorie der Gerechtigkeit”. Über letztere möchte ich mich gerade noch etwas auslassen, da sie ziemlich nah an unserer Zeit liegt und mir auch gefällt, auch wenn sie Schwächen aufweist.

Im Großen und Ganzen fühlte ich mich an mein Abi erinnert, wo wir Sozialkunde hatten und wir das Parteispektrum in Deutschland beleuchteten und uns unser Sozialkundelehrer vor eine Frage stellte: Was sind Themen, die aktuell politisch wichtig sind und in der nächsten Legislaturperiode berücksichtigt werden sollten? Es fielen Themen wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaft, Bildung usw. Und er hakte nach: Angenommen, wir würden alle “Probleme” die als Kernthemen für den Wahlkampf angesetzt sind, außer acht lassen – was wären die Themen, die essentiell dafür sind, dass wir als Menschheit noch eine Chance haben, das nächste Jahrhundert zu erleben. Sofort fiel die Hälfte der bisher angesprochenen Themen weg und wir waren bei Umweltschutz, Abrüstung, alternative Energien, Wissenschaft + Forschung…

Und damit habe ich schon einen prima Übergang zur Theorie der Gerechtigkeit geschafft. Angenommen man steht davor, eine neue Gesellschaft zu bilden. Natürlich würde jeder versuchen, aufgrund seiner politischen und sozialen Stellung einen Vorteil zu erzielen. Also ist jeder im Bezug auf seinen aktuellen Status blind, Rawls nennt es den “Schleier des Nichtwissens”. Und was mir dabei gefällt ist, dass es unwahrscheinlich schlüssig ist, denn wenn jeder bei der Entwicklungs von Grundsätzen der Gerechtigkeit mitwirken soll, wo er nicht weiß, welchen sozialen Status er hat, würde er automatisch dafür sorgen, dass den sozial schlecht gestellten ein Maximum zukommt – auch als Maximin-Prinzip benannt. Die Intention ist: einer Gesellschaft geht es nur so gut, wie es den sozial schwächsten geht.

Im Buch wird noch näher erläutert, dass soziale Unterschiede kein Problem sind, solange man die sozial Schwachen als Maßstab im Auge behält. Und dann auch noch der Satz, dass europäische Staaten dem Ganzen am nächsten kommen… Meiner Ansicht nach das Problem, was ich mit dem Buch habe! Alles gut und schön und wir können auch prima nach diesem Vorbild leben, haben die sozial Schwachen ein bißchen im Augenwinkel, mehren unseren Reichtum, aber leider auf Kosten derer, die dieses Gerechtigkeitsprinzip nicht haben! Und das stimmt zumindest in der Praxis – da ich das Original nicht gelesen habe, kann ich mir an der Stelle kein Urteil erlauben, aber zumindest scheint es keinen Widerspruch darzustellen. Aber wer es ganz genau wissen will, bei der Wikipedia gibts mehr dazu.

Und weil ich gerade mal wieder die Wikipedia verlinkte… In einem Interview mit der Süddeutschen lässt “Internet-Pionier” Lanier verlauten, dass die Wikipedia Mobideologie ist. Hat zwar irgendwie Recht, aber ich finde, der Artikel klingt nach einem Nerd, der von der Zeit überholt wurde und deshalb beleidigt ist, weil sich kaum einer für seine Ideen interessiert. Hallo! Die Zeiten ändern sich… Seine Kernaussage: Es warnt vor dem Kult des Kollektivs und möchte eine Wertschätzung der Individualität. Öhm, fangen wir doch mal an: Liebe Wissenschaftler, arbeitet nicht mehr in Teams und hört auf, euch auszutauschen! Doch lieber jeder für sich, ist zwar nicht so schnell, aber individueller! Ohne weiteren Kommentar…

Abmarsch!

Ich muss mal wieder dringend ein Update rauslassen. Denn nach der Woche in der Schweiz hat mein Leben ja nicht aufgehört. Die darauf folgende Woche verschlug es mich nach Eltville. Eltville ist wirklich nicht die Weltstadt, aber für eine Woche mal ganz schön. Wer irgendwas mit Eltville assoziieren will, dem werfe ich mal MM Sekt vor. Ansonsten kommt man sich zu Beginn etwas hilflos vor, denn der erste Eindruck ist, dass hier die Bürgersteige um 18 Uhr hochgeklappt werden und man danach keine Chance mehr hat, etwas zu essen zu bekommen.

Weit gefehlt – ein Blick auf die Webseite der Stadt offenbart, dass es einiges an Gaststätten gibt. Wir haben alles mal probiert – vom Asiaten am Bahnhof bis hin zum Anleger 511, das etwas exklusiver ist, aber äußerst hochqualitative Speisen zu akzeptablen Preisen anbietet (Merke: 11. Generation Bratwurst). Mittags ging es immer zum Italiener Da Pino am Holztor, bei dem es drei Mittagsgerichte zur Auswahl gab.

maennerherzenWieder angekommen, gingen wir mal wieder ins Kino. Auf einer Schokoladenpackung gab es Gutscheine, die wir einlösen wollten. Nur ich war so clever, die Werbung auf der Vorderseite auszuschneiden, statt den eigentlichen Gutschein auf der Rückseite. Trotzdem ging es los – Männerherzen. Das Kino war so gut wie leer, offensichtlich hatte keiner Lust auf diesen Film.

Ich bin kein großer Fan des deutschen Films, in der Regel sind diese sehr… ich weiß nicht, wie es ausdrücken soll – kalt. Es gibt sehr wenig natürliche Herzlichkeit, Wärme und Freundlichkeit. Vielleicht bin ich einfach nur in den falschen Filmen gewesen, aber dieser war auch wieder einer von denen, die mein Bild bestätigten. Til Schweiger darf ein Produzentenarschloch spielen, der haufenweise Models um sich herum hat und einen Schlagerstar produzieren soll, der sich sehr Ethno gibt und ein “Lied für die Welt” schreiben will. Christian Ulmen darf wieder den bleichen Deppen spielen, der bei den Frauen verloren hat, sobald er den Mund aufmacht. Und dann gibt es noch den Werbefutzi, der ständig plant, aber vergisst zu leben, den U-Bahn-Fahrer, dessen Frau sich von ihm trennen will, weil er seit seit einem Unfall mit der U-Bahn sehr aggressiv ist und sich aber nicht helfen lassen will und zum Schluss noch der ewige Praktikant, dessen Freundin schwanger wird.

Der Charme des Films ist eigentlich, dass überall die Fassade etwas bröckelt. Jerome ist zwar Produzent, heißt aber in Wirklichkeit Hans-Jürgen und will seine Jugendliebe zurück. Günter ist Beamter, lässt aber die Gaststätte des ewige Praktikanten mit einer Sonderregelung durchgehen. Der Planer und Werber wagt einen Seitensprung und wagt somit seiner Ehe ein ungeplantes Ende zu bereiten. Und der unbeliebte, hartherzige U-Bahn-Fahrer sorgt etwas rau dafür, dass sein demenzkranker Vater im Altenheim doch noch einmal Plätzchen backen darf. Der Schlagersänger hat Angst, dass keiner seine Schnulzen mehr mag und der Praktikant muss Verantwortung übernehmen.

Und ich glaube, damit kann ich meinen Finger genau in die Wunde des deutschen Films legen – nachdem, was ich da oben schrieb, brauche ich nur morgen auf die Straße gehen und erlebe diese Geschichten wieder. Es fehlt dem deutschen Film an solchen Stellen an der Fähigkeit, zu verzaubern und fremde Welten zu erschaffen. Man bleibt gern bei der Realität oder bereits abgeschlossenen Geschichten. Ich will damit nicht die Fiktion heraufbeschwören, aber etwas realitätsfremdes würde gut dahin passen. Beispiel: Die fabelhafte Welt der Amelie – spielt im hier und jetzt, weiß aber zu verzaubern.

Genug über den Film, jetzt gehts ans Eingemachte… ab sofort ist Ruhe hier! Zumindest für die nächste Zeit. Ab morgen löst sich mein Rechner in seine Bestandteile auf und materialisiert sich an anderer Stelle wieder. Und dort wird er frühestens ab dem 16.11. wieder ans Netz dürfen.

Kinonachtrag

fraeulein stinnesAlso da ist diese Frau, die sich in den Zwanziger Jahren ein Auto nimmt und damit um die Welt fahren will. Sie ist die Tochter des Industriellen Stinnes, hat an einem Rennen in Russland teilgenommen und nimmt sich vor mit einem gewöhnlichen Adler ihre Weltreise zu unternehmen. Das Unglaubliche an der Geschichte – Clärenore Stinnes und ihre Weltreise gab es wirklich.

Der Film ist weniger Spielfilm als eher ein Dokumentarspielfilm, da er sich aus gespielten Szenen und alten Szenen, die in damals aufgenommen wurden, zusammensetzt. Man sieht, wie alles nach Plan läuft, man nimmt teil, wenn die Mechaniker aufgeben und der Dokumentator Carl-Axel Söderström und Fräulein Stinnes ihre Reise allein fortsetzen. Man spürt das Scheitern, als der Wagen bei der Andenüberquerung (es gab zu der Zeit keine Straße!) liegen bleibt und man spürt die unglaubliche Energie der Frau, diesen Plan durchzuziehen, auch wenn sie ihre schwachen Momente hat.

Wo Dokumentation und Film etwas auseinandergehen, ist der Charakter der Clärenore Stinnes. In den Originalaufnahmen macht sie sehr oft einen finsteren oder neutralen Gesichtsausdruck, aber laut Aufzeichnung bzw. auch im Film wird sie als fröhliche, energische, wenn auch etwas burschikose Frau dargestellt. An ihrer Seite Carl-Axel Söderström, der im Spielfilm ungefähr 20 Jahre älter wirkt, in real aber nur 8 Jahre älter war und auch bei weitem nicht den Umfang des Schauspielers hatte. Vielleicht ist es der Ausgleich, da man sich in dem Dokumentarfilm nicht so recht vorstellen kann, wie die beiden zusammenfinden, da Stinnes bei weitem keine schöne Frau ist, was im Spielfilm durch einen wenig attraktiven männlichen Part neutralisiert wird.

Auf jeden Fall ist der Film sehenswert und schon allein der Gedanke, dass man einen gewöhnlichen Straßenwagen um die Welt jagt und ihn dabei der Hitze einer Wüste, der Kälte Sibiriens, dem Wasser von Gebirgsbächen und dem Geröll der Anden aussetzt, lässt einen milde lächeln. Die Leistung von damals ist unglaublich, wenn nicht nach heutigen Maßstäben schier verrückt.

Oral und der ganze Rest

schtisZwei mal sind wir diese Woche ins Kino eingefallen. Zum einen um einen Film zu sehen, den uns ein Kollege empfohlen hatte – “Willkommen bei den Sch’tis”. Er beschrieb ihn als unglaublich komisch und sehr witzig. Ein französischer Film, der urkomisch ist – ich konnte mir das nicht vorstellen, aber mit der Begeisterung, mit der mein Kollege davon erzählte, machte mich neugierig. Genau so war es dann auch. Viele Filme haben die Angewohnheit, dass nur das erste Drittel einen gewissen humoristischen Anteil hat, aber hier ließ es auch gegen Ende nicht nach. Für Franzosen mag das vielleicht nicht so witzig sein, aber eingefahrene Klischee über andere Bevölkerungsgruppen sind nicht jedermanns Sache. Man stelle sich nur die Geschichte vor, ein bayrischer Postbeamter müsste zwei Jahre nach Sachsen ziehen.

Aber als deutscher Kinobesucher nimmt man diese Klischees nur humorvoll war und lacht, bis einem der Bauch schmerzt. Ich habe es mir zur Regel gemacht, nur das Gröbste von einem Film wissen zu wollen und mir dann ein Bild zu machen, so wird man wirklich weniger enttäuscht.

Etwas kontroverser ging es dann im zweiten Film “9to5 – Days in Porn” zu. Ein Film, der mehr Dokumentation ist, wie ein Film, aber sehr deutlich den Alltag von Pornostars über mehrere Monate hinweg zeigt, wie man schnell aufsteigt, oben bleibt oder ganz schnell wieder verschwindet. Es ist natürlich nicht zu übersehen – alle fuhren riesige neue Autos, hatten schöne Wohnungen und offensichtlich auch das nötige Geld. Aber gleichzeitig wurde auch gezeigt, wie es nebenbei aussieht – regelmäßige Untersuchungen, die Anforderung, das zu machen, was der Regisseur möchte, auch wenn es nicht unbedingt mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmt. Und natürlich die Konkurrenz untereinander, denn bei 15.000 neuen Filmen pro Jahr muss man außergewöhnlich sein, um wahrgenommen zu werden. Der Schwerpunkt bei dem Film lag eindeutig im weiblichen Bereich, denn für Frauen gibt es in diesem Gewerbe drei Beweggründe, um mitzumachen: Spaß am Sex, Geld und/oder Ruhm. Gefallen hat mir an dem Film, die schonungslose Darstellung, wie diese Leute Sex vor der Kamera als Beruf ansehen und wie die Partnerschaften dazu aussehen. Natürlich hat man auch seinen Agenten, der dafür sorgt, dass man engagiert wird – und wie es sich für eine Agentur gehört, kann man die Schauspielerinnen auf einer Webseite ansehen – mit Bild, und einer kurzen Beschreibung, die mehr Aufzählung ist, was sie alles mitmacht.

daysinpornWas dem Film fehlte, war der rote Faden – er sprang von einem Grüppchen von Dreharbeiten zum nächsten, es ging weniger um die Dreharbeiten, sondern dass, was ringsherum passierte. Man sah nackte Frauen, die auf dem Boden kauerten und auf ihre Szene warteten oder männliche Darsteller, die sich schon mal auf ihren Einsatz “vorbereiteten”, aber man hatte keine Ahnung, wo die jetzt herkamen. Bei den Frauen hatte man den Agenten, der sich um seine Mädels kümmerte, aber die männlichen Darsteller standen immer bereit – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe die Monate nicht zusammengezählt, aber nach gefühlten 4 Stunden kam der Film zu einem versuchten Ende im Stil von “XY ging es einige Monate später wieder besser.” Große Erkenntnisse habe ich nicht aus dem Film gezogen, außer dass es auch Frauen in der Branche gibt, die Szenen mitmachen, wo andere sich erniedrigt oder gequält vorkommen würden, weil es für sie eine Art “olympische Herausforderung” ist – immer besser und mehr zu können, wie andere. Und man ahnt auch, was man dort als Mensch wert ist, wenn sich Produzenten / Agenten gegenseitig auf die Schulter klopfen und Geschichten der Kategorie: “Als sie sich bewarb, schrieb sie, dass sie es nicht mit mehr wie 2 Typen gleichzeitig macht. In ihrem ersten Film waren es 6.” erzählen. Aber auch gut zu wissen, dass es gute Geister im Hintergrund gibt. Pornostars der ersten Stunde, die sich um die Einführung von regelmäßigen Untersuchungen bemüht haben und auch den Youngstars mit Rat und Tat zur Seite stehen, weil sie alle Hochs und Tiefs der Szene miterlebt haben.

Und natürlich musste letzte Woche auch irgendwas grandios schief gehen. Ich spürte am Donnerstag Nachmittag ein leichtes Ziehen im Oberkiefer. Aber das hatte ich schon öfter, weil ich dachte, da hat sich eine Fleischfaser eingeklemmt. Also mit Zahnseide ran – nichts da, der Druck blieb und sorgte dafür, dass ich die halbe Nacht munter blieb. Genug Zeit, um sich mit dem Thema “Wurzelbehandlung” auseinander zu setzen. Und siehe da – nächsten Morgen zum Zahnarzt, der schaut auf das alte Röntgenbild, macht eine Klopfprobe und einen Vitalitätstest und siehe da, meine Vermutung war richtig. Zahn aufgebohrt, etwas zum Abtöten des Nervs rein und wieder provisorisch zu. Nächster Termin Montag eine Woche drauf, mit der Bemerkung “Der kann heute und morgen noch ein bißchen rummuckern!” Das Rummuckern sah so aus, dass ich mittags heim ging, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushielt. Gegen Abend ließ er mal kurz nach, aber dafür machte sich was anderes breit. Ich fühlte mich wie krank, fiebrig und schlapp. Das setzte sich dann bis Montag fort. Inzwischen schwoll mein Zahnfleisch an und im Kiefer machte sich der Lymphknoten dick. Also Montag sofort früh wieder hin. Zahn auf, Wurzelbehandlung sofort – ist überhaupt nicht schlimm, ich konnte in seiner Lupe die Spiegelung sehen und wie er die Wurzelkanäle ausbohrte. Gemerkt hab ich kaum was, bis auf die Stelle, wo er meinte, das es da noch blutet und eitert. Und dann kam der Horrorteil – er hatte festgestellt, dass am gleichen Zahn noch ein Abszess ist und entfernte ihn. Selbst mit Betäubung standen mir die Tränen in den Augen. Heute also erstmal krank geschrieben und Freitag dann die Fortsetzung.

PS: Diese Mischung aus Country und Blasmusik in der Warteschleife bei XXXL Neubert ist echt der Kracher!

Triple review

In letzter Zeit schaffen wir es doch immer mal ins Kino und jetzt ist mal wieder Zeit, die ganzen Filme nochmal vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen und seine Meinung kund zu tun. Wie immer – in chronologischer Reihenfolge…

film revolucionWir sahen den Film im Programm und dachten: Wir waren in Kuba, wissen etwas über Che aus seinem Mausoleum, kennen aus unterschiedlichen Museen seine Hängematten (Was dem Christ sein Stück vom Kreuz Jesu ist, ist dem Kubaner die Hängematte von Che – alle Museen haben eine) und kennen das Land, Zeit zu wissen, wie das Land befreit wurde – die gefilmte Version anhand von Ches Tagebüchern. Die ersten 10-15 Minuten sitzt man gespannt vor der Leinwand und fragt sich: Wann fängt der Film endlich an? Zeitsprung vor, Zeitsprung zurück, Zeitsprung vor und wieder zurück. Als dann die zentrale Handlung um die Befreiung Kubas beginnt, bleibt es ähnlich eintönig. Du darfst mitkämpfen, du nicht, du bist gut, du bist böse, Peng!, Hallo Fidel!, Hallo Raul!…

Was ich damit meine ist, dass jegliche Strategie bzw. Taktik fehlt. Man sieht Kämpfe im Grünen, die Führungsriege trifft sich gelegentlich, um sich zu loben, dass man die Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber alles weitere verliert sich – die Revolution verläuft zeit- und ortlos. Man könnte denken, die Revolutionäre haben 3 Tage im Wald gekämpft und plötzlich gewonnen, aber es könnten auch 3 Jahre sein. Leute gesellen sich zu den Kämpfern, ohne ihre Motivation zu hinterfragen und dürfen mitmachen.

Es war meiner Meinung ein Film, wo ich schon fast gewillt war, noch vor dem Ende zu gehen. Wir beide waren uns am Schluss einig, dass es doch mal interessant wäre, wieviele Leute nach dem ersten Teil, sich noch den zweiten Teil antun. Nicht dass es so schon anstrengend war, hatten wir auch noch Raschel und Schnurps hinter uns sitzen, jeweils mit eine Tüte Gummi bzw. einer Tüte Popcorn. Ich muss in solchen Momenten immer an die Filmpolizei von Walter Moers denken, wo solche Film passend zum Film ausgeschaltet werden…

film affairenEinige Zeit später sahen wir Affären a la carte, einen französischen Film. Ich war wirklich enttäuscht, dass er schon zu Ende war und meinte, als wir das Kino verließen, dass ich kein Problem damit gehabt hätte, wenn er noch eine Stunde länger gegangen wäre.

Kurz die Handlung: Ein Paar lädt diverse Gäste zu einem Abendessen ein. Manche kennen sich bereits, manche sehen sich nach langer Zeit wieder und manche lernen sich erst kennen. Seit dem Abend ist inzwischen ein Jahr vergangen und man bereitet sich wieder auf ein Treffen vor. Man springt von da aus in die unterschiedlichen Ausschnitte des Abends bzw. was im Laufe des Jahres vorgefallen ist und am Ende des Films ist das Puzzle perfekt. Affären sind entstanden, haben sich aufgelöst, die anderen Beziehungen / Ehen beeinflusst.

Ich empfand den Film sehr angenehm zu sehen, weil die Spannung den ganzen Film über erhalten bleibt, man mehr Details wissen möchte und natürlich die Darsteller hervorragend agieren. Und natürlich entsteht auch im Nachhinein jede Menge Material zum Unterhalten. Welcher Charakter war der angenehmste? Welche Wendung hätte es gegeben, wenn dies und das passiert wäre? Schön auch zu sehen, wie das menschliche Miteinander dargestellt wird. Im Vorfeld rümpfen viele die Nase und beschweren sich über die Gastgeber und das Essen, die anderen Gäste u.v.m. Aber wenn sie sich gegenüber stehen, heißt es “Schön, dich wieder zu sehen!”, “Riecht gut, was du da gekocht hast!”… Sehr empfehlenswert, aber definitiv nicht kaufenswert – wenn man ihn einmal geschaut hat, ist der Überraschungseffekt verloren.

film birdwatchersUnd zum Abschluss der Reviews folgt noch der diese Woche gesehene: Birdwatchers – Das Land der roten Menschen. Jeder weiß es und kaum einen interessiert es – die amerikanischen Ureinwohner, einfach Indios oder Indianer genannt, sind nur noch ein blasses Abbild ihrer selbst.

Ein kleiner Stamm südamerikanischer Indianer verlässt sein Reservat, um wieder auf ihren ursprünglichen Grund zurückzukehren. Der Wald ist Feldern gewichen, aber trotzdem hindert das nicht den Stamm, sich provisorisch niederzulassen. An dieser Stelle beginnt der Konflikt zwischen dem Landbesitzer und den Ureinwohner. Jeder beruft sich auf sein Recht, an dieser Stelle den Boden zu besitzen – die einen mit der Begründung der Heimat ihrer Ahnen, der andere mit dem rechtlichen Besitz.

Ganz unverblümt, ohne die Schublade “die armen, armen Indianer” zu öffnen, wird der Alltag der kleinen Gruppe erzählt. Da wird eine Kuh geschlachtet, die zum Besitz der Grundstückeigners gehört, weil sonst keine Nahrungsmittel da sind. Der Häuptling verfällt mangels einer Option für eine glorreiche Zukunft seines Stammes dem Alkohol bzw. die Stammesmitglieder leisten billige Arbeit auf den Feldern, um wenigstens das Notwendigste an Nahrungsmitteln kaufen zu können. Und genauso setzt sich die Gegenseite zur Wehr – es kommt ein Flugzeug und sprüht Düngermittel unmittelbar über den Hütten ab, es gibt Verrat und der Häuptling stirbt.

Alles in allem kein schöner, aber ein realistischer Film, weswegen der Film auch mit einem leidlich versuchten Hauch von Optimismus endet. Wir sind etwas verstört aus dem Film wieder ans Tageslicht gekommen, mit dem Wissen im Kopf – ja, es ist so da draußen. Was aber das besondere an dem Film ist, er endet mit einem Spendenaufruf. Und das wohlwissend, dass die Indianer überhaupt nicht als sonderlich schützenswert dargestellt werden. Dass sie Opfer der Jahrhunderte währenden “Besatzung” sind, wird der Intelligenz des Zuschauers überlassen. Kino mit / für Köpfchen!

Buchbesprechung

Von meiner Freundin bekam ich letztens Paulo Coelhos “Veronika beschließt zu sterben” zu lesen. Bevor ich näher auf den Inhalt eingehe, verschwand ich vorhin für einen Moment in einer Welt der Metabuchbesprechung und machte mir Gedanken über das Buch an sich. Paulo Coelho wird auf der Rückseite als einer der meistgelesenen Autoren Lateinamerikas bezeichnet und in mir tauchte das Bild der Buchveröffentlichung auf. Wurde dieses Buch in seiner Heimat auf Papier gedruckt, dass aus den Stämmen gerodeten Regenwaldes hergestellt wurde? Denkt man über so etwas nach, wenn es sich in dem Buch um ein Menschenschicksal handelt? Was hält ein Ureinwohner Amerikas von so einem Roman, wohlwissend, dass er Teil einer Geschichte ist, die einen millionenfachen Tod seiner Vorfahren hinter sich hat?

Das Buch handelt nicht vom Tod eines Menschen, sondern vom Leben bzw. was man daraus macht. Für Freunde, die sich “Carpe diem – Nutze den Tag” auf das Banner des Lebens geschrieben haben, wird dieses Buch eine wahre Bereicherung sein. Mach etwas aus deinem Leben, versuch nicht, dich anzupassen, sondern mach Dinge, bei denen dich andere vielleicht für verrückt erklären. Denn “verrückt” ist nur, was nicht der Norm der Mehrheit entspricht. So könnte man den Inhalt des Buches zusammenfassen, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten.

Wichtig ist mir an dieser Stelle noch meine persönliche Ansicht zum Buch bzw. zu seiner Aussage zum Ausdruck zu bringen. Ja, es ist gut, nicht der Mehrheit zu entsprechen, seine eigenen Gedanken zu haben, diese auf seine Art zu äußern und andere daran teilhaben zu lassen. Ja, es ist wichtig, dass man diese Gedanken äußert. Nichts wäre schlimmer, wenn Mozart nie eine Note zu Papier gebracht hätte oder Einstein seiner Karriere im Patentamt den Vorrang gegeben hätte. Und noch besser ist es, wenn sich Gruppen bilden, die diese Ideen teilen, sie weiterentwickeln, leben und verbreiten. Und an dieser Stelle geraten wir Bereich, wo Individualität zu etwas negativem wird. Nämlich genau an der Stelle, wo ich nicht nur meine Gedanken äußere, sondern versuche, anderen mein Bild aufzudrücken und wo die Gruppenbildung zum Gruppenzwang wird. Im Laufe der Zeit tauchte dieses Verhalten mit unterschiedlichen Namen auf – früher hieß es Propaganda, heute nennen wir es Marketing. Aber genau dann wird Individualität wieder zu einer Waffe, die sich gegen den Gruppenzwang erhebt.

Wie man wohl merkt, Individualität hat Vor- und Nachteile und kämpft mit ihrer Grenze, wo sie verschwimmt und sich in der Gruppe auflöst. Und sie wird für die Gemeinschaft dann zum Problem, wenn die Ziele eines Menschen im Gegensatz zu dem von anderen stehen. An dieser Stelle bleibt die Frage offen: Ist es sinnvoller auf seine Individualität und seine Ziele zu verzichten, um die Gemeinschaft zu erhalten oder sich der Fesseln der Gemeinschaft zu entledigen, frei zu sein, aber allein dazustehen?